Nicht nur Psychologen erbringen psychotherapeutische Leistungen
In einer aktuellen Studie der Bundespsychotherapeutenkammer wurden am 11.04.2018 Er-gebnisse zur Versorgungssituation mit psychotherapeutischen Leistungen verbreitet. Zu den wesentlichen Ergebnissen der Studie gehört, dass die Wartezeit auf eine psychotherapeuti-sche Behandlung 30 Wochen beträgt und die Akzeptanz und Inanspruchnahme von Psychotherapie in der Bevölkerung im Vergleich von vor 15 Jahren deutlich gestiegen ist. Auch zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die Wartezeiten im Süden der Republik deutlich kürzer sind als im Norden (http://www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/rund-20-woch.html).
In einer Pressemitteilung werden seitens der Bundespsychotherapeutenkammer auch Vor-schläge zur Verbesserung der Situation benannt. In diesem Zusammenhang wird vor allem die Schaffung zusätzlicher 7000 Praxissitze, inklusive der entsprechenden Finanzierung, genannt.
Nun ist angesichts der Krankheitslast, die durch psychische Erkrankungen ohne Zweifel be-steht, ein Ausbau der Versorgung unbedingt wünschenswert.
Als Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege bezweifeln wir allerdings, dass lediglich der Aus-bau an psychotherapeutischen Kassensitzen zu einer Deckung des psychotherapeutischen Be-handlungsbedarfs der Bevölkerung beiträgt. In diesem Zusammenhang sei unter anderem auf folgende Aspekte verwiesen:
• Nach wie vor erreichen psychotherapeutische Angebote eher die leichter erkrankten Menschen und seltener die schwer kranken Menschen (z.B. an Schizophrenie er-krankte Menschen, obwohl die Leitlinien der Fachgesellschaften auch hier Psychothe-rapietherapie empfehlen).
• Psychotherapie funktioniert in der Regel als Kommstruktur. Dies führt dazu, dass viele bedürftige Menschen, die den Weg in eine Praxis aus persönlichen, krankheitsbedingten oder strukturellen Gründen nicht realisieren können, keine Psychotherapie erhalten.
• Es ist anzuzweifeln, dass psychotherapeutische Praxen als „zentrale Anlauf- und Koor-dinierungsstellen“ fungieren können, da selbst „nur 5 Wochen“ Wartezeit für Dienst-leistungsnutzer/innen in krisenhaften Phasen kaum auszuhalten sind. Hier könnten niederschwellige Angebote mit Fokus auf Krisenbewältigung ein wichtiger erster Schritt sein. Diese müssen aber von vielfältig präsenten Akteuren kurzfristig zur Verfügung gestellt werden.
• Die im Hinblick auf die psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung alleinige Fo-kussierung auf die Psychotherapeuten mit Kassensitz lässt außer Acht, dass es in der psychosozialen Versorgung andere Dienste und Berufsgruppen gibt, die ebenfalls psy-chotherapeutische Leistungen in Form von Einzelinterventionen (u.a. Psychoeduka-tion, Achtsamkeit) oder therapeutischen Ansätzen (z.B. (systemische) Beratung, Sozi-otherapie, ambulante psychiatrische Pflege) erbringen.
• Es ist ein deutscher Sonderweg, dass Psychotherapie nur von Psychotherapeuten er-bracht werden kann und dass nur Psychotherapeuten in der Lage sind, Psychotherapie anzubieten. Bisher ist es leider nicht gelungen, über Zugangswege, Ausbildungsanfor-derungen und die notwendigen Settings von Psychotherapie unter der Prämisse einer optimalen Versorgung der Bevölkerung mit möglichst differenzierten psychotherapeu-tischen Angeboten zu diskutieren. Dabei steht fest: Der Bedarf an psychotherapeuti-schen und psychosozialen Leitungen in der Bevölkerung ist viel zu groß, als dass er von niedergelassenen Psychotherapeuten allein gedeckt werden könnte.
Von daher gilt es, im Sinne der Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung, internationale Entwicklungen aufzunehmen und in Deutschland zu etablieren. Erste Schritte auf diesem Weg sind aus Sicht der DFPP:
• Gestufte Therapieangebote: Nicht jeder Mensch in einer seelischen Krise braucht eine intensive ambulante oder stationäre Psychotherapie von sehr gut ausgebildeten Psychologen oder Ärzten. Im Sinne von Stepped Care Modellen konnte im Rahmen hochrangig publizierter Studien gezeigt werden, dass für einen Großteil der Menschen mit psychischen Störungen niedrigschwellige Angeboten völlig ausreichen und zum Therapieerfolg führen. Dies umfasst neben psychosozialen Interventionen auch eine Stärkung der Selbsthilfe.
• Stärkere Einbeziehung der Psychiatrischen Pflege: Die Psychiatrische Pflege verfügt be-reits über psychotherapeutische Grundkompetenzen. Sie stellt die größte Berufs-gruppe im Gesundheitswesen dar. Eine Deckung des psychotherapeutischen Bedarfs der Bevölkerung ohne Einbeziehung dieser Berufsgruppe wird nicht gelingen.
• Schulungsangebote von helfenden Berufen: Helfende Berufe sollten vermehrt Schu-lungsangebote zur Durchführung von psychosozialen und Psychotherapeutischen In-terventionen erhalten. Hier sollte in Zusammenarbeit mit der Bundestherapeutenkam-mer ein entsprechendes Zertifizierungssystem erarbeitet werden. Sowohl aus den Nie-derlanden als auch aus dem Angloamerikanischen Raum liegen hier zielführende Schu-lungsprogramme und umfangreiche Erkenntnisse vor.
• Stärkere Durchbrechung der Kommstruktur und Erweiterung des Psychotherapiebegriffes: viele seelische Krisen sind unmittelbar mit Situationen im direkten Lebensumfeld verbunden und je nach Situation macht es Sinn, die direkte Lebensumwelt stärker in die Therapie einzubinden. In diesem Zusammenhang ist auch zu prüfen, inwieweit asynchrone Formen der Betreuung, z.B. über Email, Telefon oder Internet das Versorgungsangebot so erweitern können, dass die Hilfe niedrigschwelliger, schneller und zielgerichteter erfolgen kann.
Ein solches Vorgehen stellt explizit nicht in Abrede, dass es Menschen gibt, die auf die spezielle Expertise von speziell ausgebildeten Psychotherapeuten angewiesen sind. Die Behandlung und Versorgung von Menschen mit seelischen Krisen jenseits von Psychopharmaka erfordert aber mehr als den Ausbau psychotherapeutischer Kassensitze. Der Größe des Problems ist durch multiprofessionelles Handeln zu begegnen. Die Ressourcen der Psychiatrischen Pflege und anderer Professionen im psychosozialen Feld hier ungenutzt zu lassen bedeutet, weiter-hin eine Unterversorgung der Bevölkerung mit psychotherapeutischen und psychosozialen Leistungen bewusst in Kauf zu nehmen. Die Chance für zeitgemäße Entwicklungen der Versor-gung wie auch der psychiatrischen Pflege würde zum wiederholten Male verstreichen.

Erstellt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michael Schulz und Prof. Dr. Michael Löhr
Ulm, den 18.04.2018

Dorothea Sauter, Präsidentin

Uwe Genge, Stellv. Präsident

Michael Mayer, Stellv. Präsident
 

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Kategorien: News

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