Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister Spahn,

zunächst möchten wir unser Bedauern darüber ausdrücken, dass unsere als Akademische Fachgesellschaft Critical Care (AFG-CC) des Deutschen Netzwerks APN&ANP g.e.V. (DNAPN) fristgerecht eingesendete Stellungnahme zum Reha-und Intensivpflegestärkungsgesetz (RISG) nicht in die Veröffentlichung der Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf aufgenommen wurde und inhaltlich auch in den beiden neuen Referentenentwürfen zur Stärkung von intensivpflegerischer Versorgung und medizinischer Rehabilitation in der GKV (IPREG/IPReG) nicht berücksichtigt wurde.

Als Präsidentin der AFG-Critical Care wende ich mich im Auftrag der AFG nun erneut mit dieser Stellungnahme an Sie und alle anderen beteiligten Bundestagsabgeordneten, um unserem Anliegen nochmals Nachdruck zu verleihen.

Zur Einschätzung des Beatmungsstatus, verbunden mit der Einschätzung des vorhandenen Weaningpotentials ist eine rein ärztliche Einschätzung nicht ausreichend. Die komplexe intensivpflegerische Versorgungssituation ist ausschlaggebend dafür, das Weaningpotential eines beatmeten Intensivpatienten zu ermitteln. Diese intensivpflegerische Versorgungssituation kann nur von gut qualifizierten Intensivfachpflegekräften beurteilt und eingeschätzt werden.

Der Intensiv-Pflegeprozess ist als Vorbehaltsaufgabe besonders spezialisierter Intensivfachpflegepersonen anzusehen. Der kontinuierliche Kontakt der Intensivfachpflegepersonen zu beatmeten Intensivpatienten ermöglicht jederzeit ein situationsgerechtes Handeln im Beatmungs- und Weaningprozess, wenn ihnen der dazu nötige Handlungsspielraum eingeräumt wird.

Sicherlich wird die bisherige Versorgung in außerklinischen Intensivpflegeeinrichtung diesem Anspruch nicht immer gerecht, da dort oftmals Pflegefachpersonen mit einer pflegerischen Grundausbildung und einer kurzen Zusatzqualifikation, in der sie die allgemeine Handhabung der beatmungsassoziierten Hilfsmittel und Geräte erlernen, eingestellt werden. Ähnlich ist die Situation in Langzeitpflegeeinrichtungen. Darum begrüßen wir erst einmal, dass die Qualität der außerklinische Intensivpflege zukünftig vom Medizinischen Dienst überprüft werden kann und es darüber hinaus eine Finanzierungsgrundlage für eine längerfristige stationäre Beatmungsentwöhnung geben soll.

Aber gerade hier wäre es sinnvoll, vorhandene hochqualifizierte intensivpflegerische Kompetenzen besser mit in den Versorgungsprozess einzubeziehen und vor allem auch als Qualitätsmerkmal einzufordern. Fortschritte in der Beatmungsentwöhnung sind in erster Linie abhängig von fachkompetentem und situationsgerechtem Engagement hochqualifizierter Intensivfachpflegepersonen mit einer 2-jährigen, staatlich anerkannten Weiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie oder, besser noch, akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen mit einer Spezialisierung in der Intensivpflege. Hier scheitert die Praxis der Intensivpflege leider immer noch daran, dass diesen Intensivfachpflegepersonen kein erweitertes autonomes Handlungsfeld zugestanden wird. Solange hochqualifizierte Intensivfachpflegepersonen in- nerhalb ihres Intensivpflegeprozesses nicht rechtlich gesichert handlungsfähig sein können, leidet die Patientenversorgung darunter. Daran ändern auch festgelegte ärztliche Zuständigkeiten nichts.

Wir schlagen daher, wie schon in unserer letzten Stellungnahme, vor, die Regelung des Artikel 1 im Hinblick auf den §37c derart zu ergänzen, dass auch akademisierte Intensivfachpflege- kräfte (APN) Verordnungen bzw. Weiterverordnungen von außerklinischer Intensivpflege neben den in der regierungsamtlichen Begründung besonders qualifizierten Vertragsärzten vornehmen können. Weiterhin empfehlen wir im Hinblick auf die Versorgungsqualität in Wohngemeinschaften und stationären Pflegeeinrichtungen die Verantwortung für den intensivpflegerischen Versorgungsprozess der beatmeten Menschen zwingend an eine Kompetenz mit Intensivfachpflegeniveau (mindestens 2-jährige Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie nach Landesrecht) zu binden.

Wir erwarten, dass akademische Pflegefachpersonen mit Qualifikation auf Masterniveau (Advanced Practice Nursing –APN) und Spezialisierung in der Intensivpflege maßgeblich an der Ausarbeitung der Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses nach §92 Absatz 1Satz 2 Nummer 6 beteiligt und berücksichtigt werden, da es hier um spezifische und spezialisierte Inhalte der pflegerischen Profession geht. Vertreter unseres Netzwerkes sind bereits parallel zu ihrer Mitarbeit im DNAPN in den Vertreterversammlungen der bisher gegründeten Landespflegekammern vertreten.

Darüber hinaus regen wir an, §39 Absatz 1 wie folgt zu erweitern: „Zur Krankenhausbehandlung gehört auch eine qualifizierte ärztliche und intensivpflegerische Einschätzung des Beatmungsstatus vor der Verlegung oder Entlassung von Beatmungspatienten.“

Im Rahmen des Entlassmanagements (§39 Absatz 1a) sollten masterqualifizierte Intensivfachpflegepersonen APN (Advanced Practice Nurses) intensivpflegerische und beatmungsassoziierte Hilfsmittel und Geräte verordnen dürfen. Darüber hinaus sollte es ermöglicht werden, dass APNs im Rahmen eines kontinuierlichen Intensivpflege- und Weaningprozesses sektorenübergreifend aus dem stationären Intensivpflegebereich heraus in die Weiterversorgung der außerklinischen Intensivpflege einbezogen werden und diese Leistungserbringung angemessen finanziert wird.

Eine angemessene Finanzierung der außerklinischen Intensivpflege sollte, unabhängig von dem Setting, in dem diese Leistung erbracht wird, gesichert sein. Dies beinhaltet sowohl die Entlohnung hochqualifizierter Intensivfachpflegepersonen als auch die notwendige medizintechnische Ausrüstung für die Überwachung und Einschätzung der Beatmungssituation und der Versorgung beatmeter Patienten.

Ich hoffe, dass wir mit unseren praxisrelevanten Anregungen doch noch Gehör finden. Für einen weiteren Austausch stehen die AFG-Mitglieder gerne zur Verfügung. Zur Übersicht und weiteren Vertiefung füge ich diesem Schreiben unsere Stellungnahme vom 05.09.2019 nochmals bei.

Mit besten Grüßen

Christa Keienburg M.Sc. APN
Fachkrankenschwester für Intensivpflege
Präsidentin der AFG-Critical Care des Deutschen Netzwerks APN&ANP g.e.V.

Print Friendly, PDF & Email
Be Sociable, Share!
  • email
  • Twitter
  • Facebook
  • StumbleUpon
  • LinkedIn
  • More
WP to LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com